Foto Edgar Einemann Prof. Dr. Edgar Einemann

Lanier, J. (2010). Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Berlin: Suhrkamp.

Jaron Lanier ist ein professioneller Musiker, der sehr früh mit "virtueller Realität" experimentiert hat und einer der Pioniere in der Software-Entwicklung des Silicon Valley ist. Sein Buch über die Rolle des realen Menschen in der digital geprägten Welt ist eine lohnende Lektüre auch für Software-Entwickler, weil er Programmier-Prämissen und ihre Resultate aus eigener Erfahrung kritisch hinterfragt.

Insgesamt ist das Buch eher eine Aneinanderreihung von kritischen Gedanken zu dem einen oder anderen Aspekt der Entwicklung von Software, Internet, Mensch und Gesellschaft. Es fällt schwer, einen "roten Faden" etwa im Sinne von "Problem - Ursachen - Lösungen" oder gar ein Kern-Anliegen mit einer Kern-Frage zu erkennen.

Mit einigem guten Willen kann man das Buch als Abrechnung mit dem betrachten, was Lanier "kybernetischen Totalitarismus" (S. 30, S. 183) bezeichnet. Er erinnert an die Anfänge der Internet-Entwicklung als große Idee von kreativen Menschen: "Der digitale Revolutionär, der diese Zeilen schreibt, glaubt auch heute noch an die meisten schönen und tiefen Ideale, die unsere Arbeit vor vielen Jahren beflügelten. Den Kern bildet ein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen." (S. 27). Diese "Gegen-Geschichte des Internet" als Produkt der alternativen Szene hat ARTE übrigens in einem guten Film ("Die wilden Wurzeln des World Wide Web", 2013) hervorragend dokumentiert.

Bei der Betrachtung der Resultate kommt Lanier zu dem Ergebnis: "Es ist wahrhaft pervers, wozu das Internet inzwischen verkommen ist." (S. 27). Laniers Kritik zielt im Kern darauf, dass das kreative Individuum eine reduzierte Bedeutung bekommen hat und die siegreichen Vertreter des kybernetischen Totalitarismus auf die Segnungen der Computing-Cloud und der Schwarm-Intelligenz vertrauen. "Der kybernetische Totalitarismus läßt sich in zwei Hauptstränge zerlegen. Der eine Strang glaubt, die Computing-Cloud erreiche selbst ein übermenschliches Maß an Intelligenz, während der andere meint, die in der Cloud durch anonyme, fragmentarische Kontakte miteinander verbundenen »Vielen« bildeten die übermenschliche Entität, die eine besondere Art von Intelligenz erwerbe. In der Praxis haben die Unterschiede zwischen beiden Strängen kaum Bedeutung. Der zweite, durch Wikipedia repräsentierte Ansatz hat bisher größeren Anklang in der wissenschaftlichen Gemeinschaft gefunden." (S. 183). "Zum siegreichen Stamm gehören Leuten aus der Welt der Open Culture und der Creative Commons, Mitglieder der Linux-Gemeinde, Vertreter des Künstliche-Intelligenz-Ansatzes in den Computerwissenschaften, Anhänger des Web 2.0, Antikontext-Filesharer und Remasher und diverse andere. Ihre Hauptstadt ist Silicon Valley, doch sie verfügen über Machtbasen in der ganzen Welt, wo immer die digitale Kultur hervorgebracht wird." (S. 30).

Die Wirkungen des "modernen Internet" auf die Individuen und die Kultur vergleicht Lanier mit den Ergebnissen des Wirkens der Missionare, die gewachsene Kulturen verfremdet bis zerstört haben: "Etwas Ähnliches wie dieser Reduktionismus der Missionare geschieht heute seit dem Aufstieg des Web 2.0 im Internet. Das Fremdartige wird durch Vermanschen eliminiert. Als in den frühen 1990er Jahren die ersten individuellen Webseiten aufrauchten, hatten sie noch etwas Persönliches. Bei MySpace blieb davon noch etwas erhalten, auch wenn die Regulierung der Formate bereits begonnen hatte. Facebook setzte diesen Prozeß fort und organisierte die Menschen zu Multiple­Choice-Identitäten, während Wikipedia den persönlichen Standpunkt gänzlich zu eliminieren versucht. Wenn eine Kirche oder ein Staat solche Dinge tun, halten wir sie für autoritär, doch wenn Technologen die Übeltäter sind, gilt das als hip, frisch und innovativ. In technologischer Form präsentiert, akzeptieren wir Ideen, die wir in jeder anderen Form abscheulich fänden. Ich empfinde es als äußerst befremdlich, daß alte Freunde aus der Welt der digitalen Kultur den Anspruch erheben, die wahren Söhne der Renaissance zu sein, und nicht erkennen, daß der Einsatz des Computers zur Verringerung der individuellen Ausdrucksmöglichkeiten ein primitives, rückschrittliches Unterfangen ist, ganz gleich wie verfeinert die dabei eingesetzten Werkzeuge sein mögen." (S. 69-70).

Auf dieser Basis trägt Lanier seine Kritik an vielen Stellen differenzierter vor: z. B. an Facebook (S. 29, 76, 97, 101), an Google (S. 28, 67, 114, 205, 215), Wikipedia (S. 187), an der Schwarm-Intelligenz (S. 162) und an Open-Source-Ansätzen (S. 166, 185). Der MIDI-Standard beinhaltet eine Einschränkung der wahrgenommenen und weiterverbreiteten Akustik (orientiert am Keybord, nicht am Saxophon oder an Gesang, S. 18-22). Die zur Stabilisierung von komplexer Software erforderliche Verhinderung von Weiterentwicklungen (Einfrieren des digitalen Designs, "lock-in") bedeutet zugleich eine Sperre gegen weitere Optimierungen (S. 17ff, 21ff). Das Schicksal menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten hängt an den Grenzen der Software und ihrer Standards, es kommt zu einer Verflachung (S. 159ff) oder gar zu einer Delegation von Entscheidungen an Maschinen, die dann z. B. einen Finanzcrash auslösen können (S. 131).

Lanier hat kein Verständnis für die vorherrschende Anonymität (S. 26, 89, 96, 105) und Verletzungen des Urheberrechts mit der Folge des Verlustes von Einkommenschancen für kreative Künstler (S. 27, 67, 105, 115, 129, 134, 138).

Lanier kritisiert die Kultur der kostenlosen Internet-Inhalte, in der einerseits Millionen von Menschen Musikstücke und Videos ohne Bezahlung herunterladen, andererseits sehr wenige Leute sehr viel Geld verdienen. Diese Entwicklungen "erlauben es einigen Menschen, kurzfristig Gewinne zu machen, enden aber auf lange Sicht für alle in einer Katastrophe... Die Katastrophe, in die uns diese Kultur führt, steckt noch in den Anfängen." (S. 105).

Lanier beschreibt das Dilemma der Menschen in der Internet-Ökonomie, von denen die kostenlose Produktion von Content erwartet wird - die aber im realen Leben ihre Wohnungen und ihre Ernährung bezahlen müssen (S. 135, 140). Es wird Künstlern geraten, "nach etwas Nichtdigitalem Ausschau zu halten, das im Zusammenhang mit ihrem Werk steht, zum Beispiel Life-Auf­tritte, der Verkauf von T-Shirts oder dergleichen... Aber nach zehn Jahren, in denen ich viele, viele Menschen bei diesem Versuch beobachtet habe, fürchte ich, bei der übergroßen Mehrzahl der Journalisten, Musiker, Künstler und Filmemacher wird das nicht funktionieren, so daß sie ihren Beruf wegen unseres verfehlten digitalen Idealismus werden an den Nagel hängen müssen." (S. 122).

Angedacht wird ein neues System, in dem alle Bits einen Wert haben (S. 137) und "der Staat die Kontrolle der Datenströme übernähme, um die Entlohnung der Künstler sicherzustellen" (S. 137). Es geht um den "Übergang von kostenlosem Kopieren zu zahlungspflichtigem Zugang" (S. 141) - der Staat soll sich auch um die Realisierung eines einfachen globalen Bezahlsystems kümmern (S. 141).

Lanier ahnt, dass die Entwicklung von Technik, Verhalten und Ökonomie zu einer Situation führen, die die Grenzen der traditionellen kapitalistischen Mechanismen sprengt. Es kommt als Alternative "eine Form von Sozialismus" (S. 139) in den Blick. "Falls wir also auf den Sozialismus zusteuern, sollten wir jetzt darüber sprechen, damit wir uns ihm schrittweise nähern können. Wenn er dagegen ein so gefährliches Thema ist, daß wir nicht einmal offen darüber sprechen dürften, sollten wir zugeben, daß wir unfähig sind, kompetent mit dieser Frage umzugehen. Ich kann mir vorstellen, daß diese Ermahnung manche Leser befremden dürfte, da der Sozialismus im libertären Silicon Valley das letzte Tabu zu sein scheint, doch in den Vorstellungen und Gesprächen digitaler Kreise findet sich erstaunlich viel verdeckt sozialistisches Denken. Das gilt in besonderem Maße für junge Menschen, deren Erfahrung mit Märkten vom Marktversagen der Bush-Jahre geprägt ist. Es ist keine verrückte Vorstellung, daß eine Vielzahl neuer Formen gemeinschaftlicher Kooperation durch das Internet ermöglicht werden. Schon der erste Wachstumsschub des Internet war ein Beispiel dafür, und obwohl mir nicht gefällt, wie die Menschen in den Designs des Web 2.0 behandelt werden, bieten auch sie zahlreiche Beispiele." (S. 139).

Lanier formuliert einen Rat schon am Anfang (S. 35/36) seines Buches: man soll bei seinen (möglichst nicht anonymen) Internet-Aktivitäten die Individualität der Person zum Ausdruck bringen und sich nicht einfach uniformierenden Standards anpassen. Dazu kann man z. B. eine eigene Homepage und gut reflektierte Blog-Beiträge entwickeln statt auf große Kollektiv-Systeme zu vertrauen. Auf diese Idee bin ich auch gekommen.

Laniers Welt ist aber die der kreativen Entwicklung, nicht die der Politik. Und so beschreibt er am Ende seines Buches, dass er viel Zeit verbringt mit einer neuen "Art der Software-Entwicklung der Entwicklung, di ein der Lage wäre, die Beschränkungen bestehender Symbolsysteme hinter sich zu lassen. Das ist mein phänotropes Projekt. Bei diesem Projekt geht es darum, Software in einer Weise zu erstellen, die ohne die Idee des Protokolls auskommt." (S. 246). Warten wir es ab!