Foto Edgar Einemann Prof. Dr. Edgar Einemann

Die wilden Wurzeln des World Wide Web. 2013. (S. Bergère)

Der Film (86 Min.) wurde am 14.5.2013 erstmalig ausgestrahlt (ARTE).

Die deutsche Formulierung des ursprünglich französischen Titels ("contre-histoire") schafft leider auch keine größere Klarheit über den Inhalt des Films, der sich um die "Bebilderung" eines nicht ganz einfach zu erläuternden gesellschaftlichen Sachverhaltes bemüht: Das Spannungsverhältnis von totaler Freiheit im Netz und totaler Kontrolle des Netzes.

Einerseits geht es tatsächlich um den Teil der Geschichte des Internets, der gerne übersehen oder ausgeblendet wird. Es ist wohl nahe an der Wahrheit, den Hauptanteil an der Entwicklung des Netzes der Szene der unabhängigen Wissenschaft und der Hacker-Kultur (verstanden als nicht-kommerzielle Aktivitäten von Computer-Experten auf der Suche nach Neuem) zuzuschreiben; die Wirtschaft war anfänglich mehr als zögerlich, und das Militär hat sich schnell auf ihren "Eigenbetrieb" konzentriert. Hierzu gibt es differenzierte Abhandlungen u. a. von Manuel Castells.

Es kommen viele Pioniere des Internets zu Wort, und sie betonen durchweg den emanzipatorischen Ansatz: mehr Information für alle, mehr Demokratie und Transparenz, Abbau von Hierarchie, freie Meinungsäußerung für alle, horizontale Kommunikation und Vernetzung von unten, freie Zugänge für alle und jeden, Offenheit von Software für Weiterentwicklungen durch kompetente Interessierte, Selbstregulierung des Netzes durch kollektive Kontrolle - und was noch an ehrenwerten Idealen vorstellbar ist.

Eingeräumt werden aber auch die dunklen Seiten des Netzes: So führen unbestreitbar vorzufindende kriminelle Aktivitäten wie z. B. die Vorbereitung terroristischer Anschläge, die Verbreitung von Anleitungen zum Bombenbau, Betrug, Sabotage, Pädophilie, Mobbing und Diebstahl zur Frage der Notwendigkeit der Netz-Überwachung.

Zur Überwachung des Internets gibt es eine Reihe von Hinweisen und Beispielen zu Aktivitäten von Firmen und Staaten - hier gab es für Interessierte auch schon vor dem Bekanntwerden der umfassenden Netzüberwachung durch Geheimdienste in den USA und in Großbritannien keinen Grund für naive Illusionen.

Auf die vielen neuen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Es gibt 2 Seiten der Medaille, und jede Lösung hat ihre Vor- und Nachteile. Der Film bietet mehrere Beispiele und ist insofern als Diskussionsanreiz gut geeignet.

Beispiel Verschlüsselung: Die Verschlüsselungs-Software PGP wurde entwickelt, um insbesondere der Bürgerrechts- und Friedensbewegung eine Möglichkeit zur sicheren Kommunikation zur Verfügung zu stellen. Staatliche Stellen haben den Einsatz dieser Software verhindern wollen, weil sie ihnen Kontrollmöglichkeiten nimmt. Am Ende sollen es Internet-Konzerne und Banken gewesen sein, die aus Eigeninteresse ein Verbot der Software verhindert haben.

Beispiel Urheberrecht: Die Freiheit, alle digitalen Produkte unbegrenzt zu kopieren und zu verbreiten, untergräbt das Recht von Urhebern an ihren Produkten. Wer etwas schafft und kreativ ist, muss auch die Chance zur Erzielung eines Einkommens durch diese (künstlerische) Arbeit haben.

Beispiel 3-D-Drucker: Preiswerte, universelle und programmierbare Maschinen wie sogenannte 3-D-Drucker ermöglichen die dezentrale Produktion von Gegenständen. Baupläne im Netz haben z. B. die Herstellung einer Vielzahl von dezentral eingesetzten Geigerzählern nach Atomunfällen erleichtert. Die Kehrseite: im Netz waren auch Anleitungen zum Waffenbau mit Hilfe er neuen 3-D-Drucker zu finden.

Beispiel soziale Netzwerke: Aktivitäten in sozialen Netzwerken machen Menschen viel Freude, sie nutzen neue Möglichkeiten der Kommunikation und der Selbstdarstellung - und produzieren zugleich die Daten zur Optimierung ihrer eigenen Überwachung. Julian Assange (dem mit Wikileaks ja viel an Transparenz liegt) bezeichnet Facebook als "postmoderne Version der Stasi".

Am Ende des Films dominieren kritische Bemerkungen zum Versuch der totalen Kontrolle des Internets. Gewarnt wird vor der Big-Brother-Gesellschaft, und ein ehemaliger Abteilungsleiter der NSA (Sicherheitsbehörde der USA) hat schon vor dem Bekanntwerden von PRISM und TEMPORA (großangelegte Internet-Überwachung) in dem ARTE-Film von einem "schlüsselfertigen Totalitarismus" gesprochen.

Wenn das Internet zunehmend zu einem Teil des realen Lebens wird und nicht als "Neuland" außerhalb des vorhandenen Landes gesehen werden kann, dann prallen natürlich alle gesellschaftlichen Konflikte auch im Internet aufeinander. Und am Ende wird es weder totale Freiheit noch totale Kontrolle geben können - weil das Netz dann schlichtweg nicht mehr funktionieren wird. Dieser Hinweis wurde schon früh gegeben. Genutzt wird das Internet nur bei einem Minimum an Vertrauen und an Schutz. Der Schutz in Form von nahezu totaler Kontrolle scheint zumindest für einige Staaten schon da. Auch das beruhigt aber viele Bürger (Big-Brother), Unternehmen (Cyberspionage) und andere Staaten (Cyberwar) nur begrenzt. Ohne (globale) Regulierungen in einem von Mehrheiten getragenen Konsens ist das Funktionieren des Internets insgesamt zumindest auf längere Sicht in Gefahr. Aber wie sehen solche Regulierungen im Detail aus, und wann werden sie von allen umgesetzt?