Foto Edgar Einemann Prof. Dr. Edgar Einemann

Schirrmacher, F. (2009). Payback. München: Blessing.

Frank Schirrmacher ist als Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und Buchautor ein berühmter Mann, der seine Thesen auch immer mal wieder in Talk-Shows vortragen darf. In Bezug auf sein Buch "Payback" fragt man sich allerdings, ob die positive Würdigung dieses Werkes in den Medien wirklich auf dessen kompletter Lektüre basiert. Die assoziative Aneinanderreihung von einzelnen Gedanken ohne Tiefgang und die im Untertitel vorgetragene Ankündigung nicht eingelöster Rezepte für die Problemlösung ("wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen") führen zu der Frage: was will uns der Autor eigentlich sagen?

Die Beantwortung wird erleichtert durch die Lektüre des Buches "Wer bin ich, wenn ich Online bin..." von Nicholas Carr. Schirrmacher bedankt sich am Ende seines Buches u. a. bei Nicholas Carr für dessen Hilfe - Carr bedankt sich in seinem später publizierten Buch allerdings nicht bei Schirrmacher. Machart (z. B. immer mal wieder Bezüge zur Hirnforschung und zu den Ergebnissen psychologischer Experimente), verkürzte Darstellungen von "Soundbytes" (wie z. B. zur "Taylorisierung geistiger Arbeit" durch das Internet und zur künstlichen Intelligenz oder zur früheren Rolle der Kreidetafel in der Schule) und das Einstreuen von Beiträgen zu ausgewählten, aber nicht jedem bekannten Personen (z. B. Turing, McLuhan, Weizenbaum,...) kennzeichnen beide Bücher - ein etwas merkwürdiger Zufall.  

Schirrmacher bemüht sich aus verschiedenen Blickwinkeln eher unsystematisch um die Beschreibung des veränderten Verhältnisses von menschlichem Denken, Gehirn und Intelligenz auf der einen und vernetzten Computern auf der anderen Seite. Dabei sieht er eine irreversible Verlagerung zugunsten der Computer, die er an vielen Stellen aber eher pauschal beschreibt (hierin liegt denn wohl auch der entscheidende Grund dafür, dass auch bei den angekündigten Veränderungsvorschlägen wenig Greifbares formuliert wird): "Wir werden das selbständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. Denn das Denken wandert buchstäblich nach außen; es verlässt unser Inneres und spielt sich auf digitalen Plattformen ab." (S. 20). "In Wahrheit geht es darum, dass die Maschinen uns bereits überwältigt haben." (S. 66). "Bald wird nicht mehr auseinanderzuhalten sein: Wo hört der Computer auf - und wo fängt das Hirn an." (S. 144). "... führt dazu, dass wir nachweislich nicht mehr in der Lage sind, diese Informationen in einen logischen Zusammenhang zu überführen." (S. 167). "Der Computer baut großartige Verbindungen zu anderen Menschen auf, der Preis dafür ist aber ein gestörtes Verhältnis zu uns selbst." (S. 61). "Die Frage ... ist nicht die, wozu wir die Computer künftig noch gebrauchen können - sondern wozu die Computer uns brauchen können." (S. 91).

Auf der gleichen Ebene liegen denn auch die Antworten auf die aufgeworfenen Fragen: "Genügt eine Koexistenz zwischen Mensch und Maschine, die uns zu ewigen Konsumenten macht? Oder ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo Menschen ihren Führungsanspruch gegenüber den Computern anmelden sollen?" (S. 80). Schirrmachers Idee: "Aber im Internet und den digitalen Technologien steckt auch eine gewaltige Chance: Denn es gibt einen Ausweg, der selten so gangbar schien wie heute: Die Perfektion der entstehenden Systeme hilft uns nur, wenn wir uns erlauben, weniger perfekt zu sein, ja aus unserem Mangel und unserer Unvollständigkeit etwas zu stärken, was Computer nicht haben und worum sie uns beneiden müssten: Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart." (S. 21).

Dieses Niveau hat die Diskussion über "Mensch und Technik" schon vor Jahrzehnten verlassen. Und die Behauptung von Schirrmacher, dass "die beiden Jungen Sergej Brin und Larry Page" (die Google-Gründer) eines Tages einen "Kasten bauten, der nichts weniger war, als der erste Server der Welt" (S. 25) ist kein Hinweis auf eine profunde Kenntnis der Geschichte der Informationstechnik.

Nach so viel Kritik zu einigen Verdiensten des Buches aus dem Jahr 2009. Schirrmacher warnt vor "Multitasking und Informations- Überflutung" (S. 171) - wie z. B. die erwähnte (S. 58) Miriam Meckel vor ihm ("Das Glück der Unerreichbarkeit", 2007). Er warnt vor Überwachung und Kontrolle durch Staat und Unternehmen (S. 222) - wie viele andere vor ihm. Aber er warnt sehr früh vor einer im Jahr 2013 schon klarer übersehbaren Entwicklung: Dem Aufbau von "Menschenbewertungssystemen" (S. 108) und "Menschenoptimierungssoftware" (S. 193) durch Unternehmen wie Google (S. 99ff), IBM (S. 114) und Cataphora (S. 107). Auf Basis vieler (freiwilliger) Angaben und Netz-Aktivitäten von Menschen wird versucht, Prognosen auch über das zukünftige Verhalten Einzelner zu gewinnen (S. 102) und so z. B. gezielte Werbe-Aktivitäten zu starten. "Die Auswertung und Analyse unserer Assoziationen, die unsere Aufmerksamkeit im Netz und in allen anderen Informationssystemen lenken und erleichtern soll, halte ich für einen der gravierendsten Vorgänge der aktuellen Entwicklung." (S. 142). Ein Resultat: "Jeder erlebt das. Ständig macht uns der Computer Vorschläge. Und den wenigsten fällt auf, dass sich hier bereits die ersten Verlagerungen des Denkens abspielen. Die Rechner stellen Zusammenhänge her, auf die wir selbst noch gar nicht gekommen sind..."(S. 75).

Schirrmacher verweist an vielen Stellen auf die schwindende Konzentrationsfähigkeit von Menschen, die Zunahme der Ablenkung und das Entstehen einer "Ich-Erschöpfung" - Veränderungen, die Folgen bis hin zu physikalischen Veränderungen im Gehirn haben: "Sie verändern unsere kognitiven Fähigkeiten, sie verdrahten unser Hirn neu..." (S. 170).

Schirrmacher sieht die Wissens-Institutionen der Gesellschaft ("die Schulen, die Universitäten, Medien, Verlage") "in einer Krise." (S. 36). Er kritisiert die "Lerninhalte des letzten Jahrhunderts" und die "Fehlentwicklungen wie den 'Bologna-Prozess'" als "Zwangsverschickung des Geistes in die Vergangenheit." (S. 217). "Nur wenige haben erkannt, dass es wichtiger ist, Hypothesen, Faustregeln (Heuristiken), und Denkweisen zu lehren und zu lernen als statistisch abfragbare Fakten" (S. 216). Schulen und Hochschulen sollen zu Institutionen werden, "in denen Denken gelehrt wird und nicht Gedanken, indem wir lehren, in Zeiten der Suchmaschine den Wert der richtigen Frage zu erkennen" (S. 224).

Aus heutiger Sicht (2013) kommt man trotz vieler interessante Hinweise zu dem Fazit, dass auf die Lektüre des Buches von Frank Schirrmacher durchaus verzichtet werden kann.