Foto Edgar Einemann Prof. Dr. Edgar Einemann

Carr, N. (2010). Wer bin ich, wenn ich Online bin... und was macht mein Gehirn solange?. München: Blessing.

Nicholas Carr hat englische und amerikanische Literatur studiert und wird im Buch-Umschlag als „IT-Experte und Bestsellerautor“ vorgestellt. Wenn auch sein hier besprochenes Buch ein Bestseller ist, dann sagt das mehr über die den Ruhm eines Autors verstärkenden Medien als über die Qualität der vorgetragenen Gedanken. Bei dem Buch „Wer bin ich, wenn ich Online bin…“ handelt es sich um eine Aneinanderreihung vieler interessanter Teilaspekte, wobei die Zuspitzung zu einer begründeten Kernthese allerdings nur schwer erkennbar ist. So finden sich in dem Buch z. B. interessante Hinweise zu Ergebnissen der Hirnforschung, Einschätzungen zur Künstlichen Intelligenz, Bemerkungen zur Computer-Kritik von Joseph Weizenbaum, Ausführungen zur Mediengeschichte, Daten zur Medien-Nutzung und Einschätzungen zu den Wirkungen des Internets auf das menschliche Gehirn und das Denken.

Die Beantwortung der im Untertitel formulierte Frage „Wie das Internet unser Denken verändert“ erfogt auf fast 400 Seiten (brutto) eher indirekt - allerdings lassen sich mit einigem guten Willen einige Kernüberlegungen herausdestillieren.

Ich halte die Behauptung "Das Internet ist eine Technologie der Vergesslichkeit" (S. 302) für einen Kernsatz des Buches - gemeint ist die Förderung der Vergesslichkeit des Menschen. Unstrittig ist wohl eine Grunderkenntnis: "Im Hinblick auf die Veränderung unseres Denkens könnte das Internet also - neben dem Alphabet und den Zahlensystemen - die mächtigste Einzeltechnologie sein, die jemals massenhaft in Gebrauch gekommen ist. Zumindest ist es die mächtigste seit Erfindung des Buchdrucks." (S. 184).

Die zentrale Beeinflussung des Denkens durch das Internet besteht nach Carr darin, konzentriertes Lesen (wie bei einem Buch) aufzugeben und stattdessen die Aufmerksamkeit in kurzen Abständen auf viele Einzelelemente zu verteilen (Zerstreuung). "Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert. Freilich ist es möglich, beim Surfen im Netz angestrengt nachzudenken, ebenso, wie es möglich ist, bei der Lektüre eines Buches unkonzentriert zu sein, doch ist dies nicht die Art von Denken, die von der Technologie gefördert und belohnt wird." (S. 184). Es ist eine "konstante Zerstreutheit, die das Netz hervorruft" (S. 189).

Carr warnt: "Es wäre ein schwerer Fehler, nur die Segnungen des Netzes sehen zu wollen und daraus zu schließen, dass uns diese Technologie intelligenter macht." (S. 222). Un er zitiert einen Neurowissenschaftler, der erklärt hat, "dass der konstante Aufmerksamkeitswechsel bei Online-Tätigkeiten unser Gehirn vielleicht flinker mache, wenn es um Multitasking gehe, dass die Verbesserung unserer Multitasking-Fähigkeiten jedoch unsere Fähigkeit zu konzentrierte und kreativem Denken einschränke". (S. 222). Im Fokus der Kritik steht Google, das an der Vielzahl der Klicks verdient: "Das Werbesystem von Google ist zudem explizit darauf ausgelegt, herauszufinden, welche Botschaften am ehesten unsere Aufmerksamkeit erregen und diese Botschaften dann in unserem Gesichtsfeld zu platzieren. Jeder Klick, den wir im Internet machen, bedeutet eine Unterbrechung unserer Konzentration, eine Aufwärtsablenkung unserer Aufmerksamkeit - und es ist im wirtschaftlichen Interesse von Google, dass wir so oft wie irgend möglich klicken. Das Letzte, was das Unternehmen will, ist, zu gemütlichem Lesen oder langsamem, konzentriertem Denken anzuregen. Google ist buchstäblich im Zerstreuungsgeschäft tätig." (S. 246). Googles "geistige Ethik wir die allgemeine Ethik des Internets als Medium bleiben" (S. 247).  

Carr unterscheidet zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis ("Wenn das Arbeitsgedächtnis der Notizblock des Geistes ist, dann ist das Langzeitgedächtnis das Ablagesystem", S. 196) und ortet das Langzeitgedächtnis als "Sitz unseres Verstandes" (S. 196). "Unsere Intelligenz bemisst sich nach unserer Fähigkeit, Informationen vom Langzeitgedächtnis ins Arbeitsgedächtnis zu leiten und sie in konzeptionelle Schemata einzuordnen." (S. 196/197).

Auf dieser Grundlage kommt Carr zu seiner zentralen These: "Das Netz macht uns also schlauer, aber eben nur, wenn wir Intelligenz mit den Maßstäben des Internets definieren. Wenn wir Intelligenz in einem breiteren und traditionelleren Kontext sehen, wenn wir also auch den Tiefgang unseres Denkens und nicht ausschließlich seine Geschwindigkeit in die Waagschale werfen, müssen wir zu einem anderen und beträchtlich düstereren Schluss gelangen."(S. 223).

Carr referiert Ergebnisse der Hirnforschung und kommt zu dem Schluss, dass sich das menschliche Gehirn auch physikalisch im Laufe des Lebens umstrukturiert - sich also z. B. "Intelligenz" sowohl entwickeln als auch zurückbilden kann. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Nutzung des Internets im Prinzip zum Verlust der Fähigkeit zum konzentrierten Denken und sogar zum Umbau der menschlichen Gehirne beiträgt.

Die Überlegungen verdienen die weitere Betrachtung und Diskussion - einfach von der Hand zu weisen sind sie nicht. Aber es gab in der Vergangenheit immer wieder auch Irrungen der zeitgenössischen Medienkritik - bisher wurde noch jedes neue Medium von irgendjemandem für gefährlich gehalten, weil es den Niedergang des Menschen und der Kultur einzuleiten drohe. Und es gibt Autoren, die den Computer schon lange vor dem Aufkommen des Internets z. B. mit dem "Verlust des Denkens" (Theodore Roszak, 1986) und der "Ohnmacht der Vernunft" (Joseph Weizenbaum, 1977) in Verbindung gebracht haben.